Die Gestalten der Mysteriendramen

Rudolf Steiners vier Mysteriendramen — Die Pforte der Einweihung (1910), Die Prüfung der Seele (1911), Der Hüter der Schwelle (1912) und Der Seelen Erwachen (1913) — teilen einen gemeinsamen Figurenkreis. Dieselben Menschen begegnen einander über alle vier Stücke hinweg und, in den Rückschauen, auch in früheren Leben. Diese Seite stellt die wichtigsten Gestalten kurz vor und verweist auf die Beiträge, in denen sie ausführlicher behandelt werden. Einen ersten Überblick über die Handlung gibt der Beitrag Die vier Dramen im Überblick.

Das Märchenhafte der Dramen hat mit ihrer Ausgangslage zu tun. Steiner hat sie aus einem Prozess entwickelt, den er selbst als ein Auf-die-Bühne-Stellen von Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie beschreibt; das zeigen seine eigenen Aussagen und die Entwürfe zu den Dramen (GA 44) sehr deutlich. Goethes Märchen knüpft seinerseits an Johann Valentin Andreaes Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz (1616) an. Die Mysteriendramen sind damit eine Dramatisierung seelisch-geistiger Erfahrungen und Erkenntnisse in einer Tradition, die von Andreae über Goethe zu Steiner führt. Andere Autoren wirken ebenfalls mit, bleiben aber im Hintergrund: Lessing mit der Hamburgischen Dramaturgie und dem Nathan der Weise, Goethes Entwicklungsroman Wilhelm Meister sowie die Faust-Mythologie und die Faust-Legenden.

So treten neben den Menschen in den Dramen Bühnengestalten auf, die wie Märchengestalten wirken. Teils greifen sie historisch-mythologische Gestalten auf, teils schaffen sie eine neue Mythologie, so die Figuren der Seelenkräfte und der Tempelhüter. Diese Gestalten sind an reale Figuren der Dramen angeknüpft, repräsentieren in den seelisch-geistigen Bereichen aber etwas anderes als sich selbst, im Sinne einer Art seelisch-geistiger Alchemie. Luzifer und Ahriman dagegen erscheinen als aussermenschliche Kräfte. Sie dienen der menschlichen Entwicklung widerstrebend, wollen sich die Menschen aber gern für eigene Interessen nutzbar machen. So stehen sich Repräsentanten geordneter und gesunder seelisch-geistiger Kräfte und widerstrebende, ungeordnete, störende und krankheitserzeugende Kräfte gegenüber (siehe Geistige Gestalten).

Inhalt: Johannes und Maria · Formen des Erkennens · Geistige Gestalten · Frühere Leben · Weitere Gestalten

Johannes und Maria

Johannes Thomasius

Maler und zentrale Entwicklungsfigur der vier Dramen. Maria weist ihn auf den Weg der Geistesschulung unter Benedictus. Johannes interessiert sich für die Kräfte Luzifers und Ahrimans, weil er sie in sich selbst wirksam erkennt, insbesondere Luzifer, der im schönen Schein wirkt. Als Maler ist Johannes gerade dort tätig. Seine Schulung zielt deshalb darauf, im schönen Schein das Menschenfreundliche und Förderliche von dem zu unterscheiden, was Illusion und Verblendung schafft. Im Sinne einer Kompetenzbildung muss diese Unterscheidung nicht nur intellektuell gelingen, sondern auch emotional und intentional. Im Hüter der Schwelle erkennt er, dass seine Verliebtheit nicht Theodora galt, sondern einer Projektion: Er war in ein Wunschbild verliebt, das lediglich Theodoras Gestalt angenommen hatte. In diesem Augenblick begegnet er seinem Doppelgänger. Ausführlich: Johannes Thomasius — Porträt einer Entwicklungsfigur.

Maria

Schülerin des Benedictus und diejenige, die Johannes auf den geistigen Weg führt. In den Rückschauen zeigt sich, dass diese Verbindung eine Vorgeschichte hat: Im 14. Jahrhundert war die Individualität Marias ein Mönch, Prediger und Verwalter der Kirche und Lehrer des jungen Thomas, der früheren Verkörperung des Johannes; in der ägyptischen Rückschau des Seelen Erwachens ist sie der Jüngling, der als Neophyt die Weihe des Tempels empfangen soll (siehe Frühere Leben). Ein eigener Beitrag zu Maria und den Frauengestalten der Dramen ist geplant.

Formen des Erkennens

Um Johannes und Maria stehen Gestalten, die jeweils eine eigene Form des Erkennens verkörpern. Auf der einen Seite stehen zwei Vertreter des wissenschaftlichen Denkens mit unterschiedlichen Ausgangspunkten, auf der anderen Seite drei Gestalten, die imaginativ oder spirituell erkennen.

Wissenschaftliches Denken

Professor Capesius

Capesius vertritt die historisch orientierte Geisteswissenschaft. Die Prüfung der Seele beginnt mit seiner Erschütterung: „Bin ich denn noch, der ich vordem war?“ Es folgt seine Rückschau ins 14. Jahrhundert, in der er sich als Ersten Präzeptor des Templerordens und Leiter eines Bergwerks erkennt und in dem jungen Thomas seinen eigenen Sohn. Mehr dazu: Die Spiegelmetaphorik in den Mysteriendramen und Karma auf der Bühne (karmaforschung.ch).

Doktor Strader

Strader vertritt die moderne Naturwissenschaft. Im 14. Jahrhundert erscheint seine Individualität als Simon, Naturforscher und Naturarzt jüdischer Kultur. Im Seelen Erwachen stirbt er; in seinen letzten Zeilen schreibt er, die Hindernisse seines Werks seien nicht nur von aussen gekommen, sondern auch aus dessen inneren Mängeln.

Imaginatives und spirituelles Erkennen

Theodora und Felix Balde arbeiten mit einer naturgegebenen Begabung und entwickeln ihre Erfahrungen unmittelbar weiter. Benedictus verbindet seine Erfahrungen dagegen mit einer geordneten Schulung.

Theodora

Theodora hat eine mediale Begabung, mit der sie geistige Vorgänge imaginativ erfassen kann. Im Hüter der Schwelle verliebt sich Johannes in sie, bis er erkennt, dass er nicht Theodora liebte, sondern ein Wunschbild, das lediglich ihre Gestalt angenommen hatte.

Felix Balde

Felix Balde hat eine perzeptive Gabe, mit der er Naturprozesse imaginativ erfasst.

Benedictus

Der Geisteslehrer, um den sich die Schülergemeinschaft bildet. Auch Benedictus arbeitet mit imaginativen Erfahrungen, steigert sie aber zu inspirativen und intuitiven Formen des Erkennens. Diese Begriffe sind im Sinne von Steiners Stufen der höheren Erkenntnis gemeint (Die Stufen der höheren Erkenntnis, GA 12), nicht im alltäglichen Wortgebrauch. Seine Erfahrungen verbindet er mit einer geordneten Schulung in der Tradition moderner Orden und Bruderschaften. Daraus entwickelt er mit seinen Schülerinnen und Schülern eine neue Methodik geistiger Bildung. Sie ist nicht mehr auf Rückzug, Geschlossenheit und den Schutz durch Schweigegelübde angewiesen, sondern will öffentlich auftreten und wirksam werden. Im Seelen Erwachen versuchen seine Schüler, ihre geistigen Einsichten in konkrete, irdische Arbeit umzusetzen.

Geistige Gestalten

Luzifer und Ahriman

Die beiden Widersachermächte, als aussermenschliche Kräfte gezeigt. Sie dienen der menschlichen Entwicklung widerstrebend, wollen sich die Menschen aber für eigene Interessen nutzbar machen. Luzifer wirkt im schönen Schein, in Illusion und Verblendung. Beide treten Johannes schon in den Prüfungen der Pforte der Einweihung entgegen; im Hüter der Schwelle gerät er unter den Einfluss Luzifers. Ein eigener Beitrag zu den Widersachern auf der Bühne ist geplant.

Der Hüter der Schwelle

Der strenge Wächter an der Grenze zur geistigen Welt, nach dem das dritte Drama benannt ist. Er verlangt von Johannes, sich von dem zu lösen, was nur im äusseren sozialen und praktischen Leben als Bindung an den Alltag wirkt. Jenseits der Schwelle gelten andere Bedingungen, gewissermassen eine andere Logik oder Kultur. Sie lässt sich nicht erfassen oder erwerben, solange man sich an die gewohnten Bedingungen als einzig mögliche Lebens- und Erlebnisweise klammert.

Der Doppelgänger

Im Augenblick seiner Selbsterkenntnis tritt Johannes sein Doppelgänger entgegen: „Erkenne mich – und schaue dich in mir.“ Die Szene ist ein Kernbeispiel der Spiegelmetaphorik, mit der die Dramen Selbstbegegnung zur Bedingung der Erkenntnis machen: Die Spiegelmetaphorik in den Mysteriendramen.

Frühere Leben

Zwei Rückschauen zeigen die vertrauten Figuren in früheren Verkörperungen. Personenverzeichnis und Bühnenanweisungen ordnen sie ausdrücklich zu.

14. Jahrhundert (Die Prüfung der Seele)

Thomas findet seinen Vater und muss zugleich erkennen, dass dieser der Gegner seines Lehrers ist: „Ich habe ihn zum zweiten Mal verloren.“ Zwischen Vater und Lehrer, zwischen Templerorden und Kirche stehen unterschiedliche Auffassungen von Wahrheit und Geist.

„Drittes Kulturzeitalter der Erde“ (Der Seelen Erwachen)

Die Rückschau führt in einen „Tempel nach ägyptischer Art“. Die Individualität des Johannes erscheint als Ägypterin. Ich lese sie als die bisherige Lebensgefährtin eines Jünglings, der Individualität Marias, der als Neophyt die Weihe des Tempels empfangen soll, um Ratgeber des Königs zu werden. Damit tritt er in einen anderen sozialen Kreis ein und verpflichtet sich auf eine andere Lebensführung.

Für die Ägypterin bedeutet das eine doppelte Trennung: sozial, weil ihr Partner ihren gemeinsamen Lebenskreis verlässt, und innerlich, weil er sein Leben fortan nach anderen Massstäben führt. Sie klagt, dass er sich ihr „für immer“ entreissen muss, und spricht von „Trauer nur für mich, Entsagung, Leid“.

Wie die Dramen diese Zusammenhänge darstellen, statt sie zu erklären, verfolge ich auf karmaforschung.ch im Beitrag Karma auf der Bühne.

Weitere Gestalten

Der Figurenkreis ist grösser, als diese erste Fassung zeigt. Weitere Gestalten werden ergänzt, sobald sie in eigenen Beiträgen behandelt sind.