Ein Mysteriendrama für heute? Wo Reinkarnation und Karma im Leben auftauchen
Am 30. Oktober hat der Schriftsteller und Dramatiker Andreas Laudert im Unternehmen Mitte in Basel aus einem Projekt gelesen, das er dort als Autor in Residence verfolgt: einem zeitgenössischen Theaterstück zum Motiv von Reinkarnation und Karma. Der Abend trug den Titel „Mysteriendramen 24/7“. In einem Interview, das das Unternehmen Mitte im September veröffentlicht hat, beschreibt Laudert sein Vorhaben ausführlich. Es berührt eine Frage, die mich seit meiner Arbeit an Steiners Mysteriendramen begleitet: Wie müsste ein Drama aussehen, das wiederholte Erdenleben heute auf die Bühne bringt?
Laudert: „radikale Vergegenwärtigung“
Laudert beginnt mit einer Würdigung. Die vier Mysteriendramen gehören für ihn zu den „aufregendsten künstlerischen Projekte[n] des 20. Jahrhunderts“, seien aber nie über das anthroposophische Milieu hinausgekommen. Einen Grund sieht er darin, dass ihre Dialogdramaturgie nicht plastisch hervortrete. Er will die Dramen deshalb nicht dekonstruieren, sondern an sie anknüpfen: „Ziel ist ein modernes Mysteriendrama.“ Das Potenzial der Idee, wiederholte Erdenleben theatral zu gestalten, sei geblieben.
Was er sich darunter vorstellt, ist bemerkenswert konkret. Ein solches Stück würde viele Sprachebenen öffnen, vom Slang bis zum Dialekt, und Figuren aus ganz verschiedenen Milieus zeigen: eine Influencerin, einen Automechaniker, einen Start-up-Gründer, die Leiterin eines Seniorenheims. Es würde berücksichtigen, dass der Karmagedanke längst in Populärkultur, Werbung und Wissenschaft angekommen ist, und nicht in erster Linie die karmischen Zusammenhänge von Persönlichkeiten der anthroposophischen Bewegung ins Zentrum stellen. Laudert fasst das in eine Formel: „Flughöhe durch Erdung – Vertiefung durch Öffnung.“ Ein Theaterabend solle Anlass geben, hinterher über Karma und Reinkarnation zu sprechen, „so wie man über KI oder Geld, über Fußball oder den Klimawandel redet“.
Ich teile vieles daran: die Überzeugung, dass in den Mysteriendramen ein ungehobenes Potenzial liegt, den Wunsch nach einer Vielfalt von Stimmen und die Absicht, über Reinkarnation und Karma ohne dogmatischen Ton ins Gespräch zu kommen. Bei der Diagnose setze ich die Gewichte etwas anders. Laudert schreibt, Steiner sei „kein Dramatiker“ gewesen. Dem Anspruch nach trifft das zu. Steiner war Theaterkritiker, er hat inszeniert und produziert, aber seine vier Dramen sind eher Versuche und Entwicklungsschritte als die Werke eines Dramatikers. Die ersten beiden sind „durch Rudolf Steiner“ geformt, erst das dritte und vierte stammen „von Rudolf Steiner“. Das dritte ist deutlich dramatischer als die anderen; im vierten wirkt das Geschehen eher episch als dramatisch. Die Dramatik liegt in den Spannungen im Sozialen und in den Entwicklungsschritten der Persönlichkeiten. So gesehen war Steiner ein Dramatiker eigener Art, dessen Bühnensprache erst noch gefunden werden muss.
Dazu gehört, wie ich in einem früheren Beitrag beschrieben habe, dass ich die Mysteriendramen als Konversationsdrama verstehe: Was zwischen den Figuren geschieht, geschieht im Gespräch. Ihre Umsetzung lässt Spielräume, und diese lassen sich durch Verkörperung besser gestalten als durch Rezitation und Deklamation.
Die Lesung am 30. Oktober
Ich war bei der Lesung dabei. Laudert stellte drei Texte vor: zwei dialogisch gebaute Reflexionen, die als „Mäandern“ bezeichnet wurden, und einen Text, in dem zwei befreundete Paare miteinander sprechen. Die Texte bewegten sich an Grenzen, an denen Fragen nach Karma und Selbsterkenntnis auftauchen. Überschritten haben sie diese Grenzen nicht; der Perspektivwechsel, der dafür nötig wäre, blieb aus. Das Unbewusste meldete sich eher als Bedrohung denn als etwas Erhellendes.
Deutlich wurde aber, wie das alltägliche Denken an seine Grenzen kommt. Offen blieb, wie es diese Grenze selbst, ohne Anleitung, erkunden und überschreiten kann. In ihren spannendsten Momenten hatten die Texte Keimcharakter: Sie zeigten oder legten Spuren, denen noch genauer nachzugehen ist, vom Autor ebenso wie vom Publikum.
Gelegentlich leuchtete etwas hindurch, ohne direkt fassbar zu werden. Es waren eher Einladungen, selbst zu entdecken: Die Texte gaben möglichen Erfahrungen Raum, ohne sie eigens herbeizuführen. Motivisch gab es Momente, die nach dem Zusammenhang von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft fragen liessen, gerade dort, wo dieser Zusammenhang nicht unmittelbar ist und nichts sichtbar aufeinanderfolgt.
Die eigentliche Schwelle
Damit ist die Frage berührt, um die es mir in diesem Beitrag geht. In Steiners Dramen ist das Wissen um frühere Erdenleben an einen Weg gebunden. Die Figuren sind Schülerinnen und Schüler einer geistigen Schulung; neben ihnen steht mit Benedictus ein Lehrer; was sie über ihre Vergangenheit erfahren, erschliesst sich in Meditation, in Bildern, in Rückschauen. In der Prüfung der Seele führt eine solche Rückschau ins 14. Jahrhundert, und was die Figuren damals miteinander verband, wirft Licht auf ihre Spannungen in der Gegenwart.
Für ein Publikum von heute ist das die eigentliche Schwelle. Die meisten Menschen, die über Reinkarnation nachdenken, haben keine solche Schulung durchlaufen, und sie wollen ihr Bild nicht auf die Angaben anderer bauen, auch nicht auf die eines Lehrers. Ein zeitgemässes Mysteriendrama müsste deshalb dort ansetzen, wo diese Fragen im gewöhnlichen Leben auftauchen: erlebnisorientiert, ohne Voraussetzung und ohne Autorität.
Einen Hinweis darauf gibt Lessing. Am Ende der Erziehung des Menschengeschlechts (1780) stellt er die Möglichkeit wiederholter Erdenleben als Frage: „Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin?“ (§ 98). Und auf den naheliegenden Einwand, dass wir uns an frühere Leben nicht erinnern, antwortet er: „Wohl mir, daß ich das vergesse. Die Erinnerung meiner vorigen Zustände, würde mir nur einen schlechten Gebrauch des gegenwärtigen zu machen erlauben“ (§ 99). Wenn das Vergessen zur Sache gehört, dann ist der Ort, an dem sich Karma zeigen kann, nicht die Erinnerung an ein früheres Leben. Es ist die Gegenwart.
Wo die Fragen im Zusammenleben auftauchen
Wo also begegnen Menschen diesen Fragen, ohne nach ihnen zu suchen? Die folgenden Beobachtungen sind keine Beweise für Reinkarnation. Sie beschreiben Erfahrungen, an denen sich die Frage danach entzünden kann.
In der Begegnung. Manche Menschen sind uns vom ersten Augenblick an vertraut, andere bleiben fremd, obwohl wir sie lange kennen. Manchmal entsteht eine Abneigung, für die es keinen Grund gibt, oder eine Verbundenheit, die tiefer reicht, als die gemeinsame Geschichte erklären kann. Wer solche Erfahrungen ernst nimmt, statt sie wegzuerklären, steht bereits vor der Frage, woher sie kommen.
In der Wiederholung. Bestimmte Konflikte kehren wieder, auch wenn die Menschen wechseln. Man gerät in einem neuen Team in dieselbe Rolle wie im alten, trifft auf denselben Typus von Gegenüber, steht vor derselben Entscheidung in anderem Gewand. Darin kann man eine psychologische Prägung sehen. Man kann aber auch fragen, ob sich hier etwas zeigt, das über die eigene Biografie hinausweist.
In der Verantwortung. Laudert formuliert diese Frage am Ende seines Interviews selbst: „Was bedeutet es wirklich, dass ich in der Welt für den Anderen verantwortlich bin, und bin ich womöglich auch selbst ein ganz Anderer oder war es einmal oder werde es einmal sein?“ Wer schuldig geworden ist oder einem anderen etwas schuldig geblieben ist, kennt das Gefühl, dass sich eine solche Rechnung nicht mit einer Entschuldigung begleichen lässt. Im Karmagedanken bekommt dieses Gefühl einen Zeitraum, der grösser ist als ein Leben.
Wo die Fragen in der Selbstreflexion auftauchen
Ebenso wichtig sind die Momente, in denen die Frage nach innen aufbricht.
Im Rückblick auf das eigene Leben. Was im Augenblick als Umweg, Unglück oder Zufall erschien, bekommt im Rückblick manchmal einen Sinn, als hätte es so kommen sollen. Ob dieser Sinn gefunden oder erfunden ist, lässt sich nicht von aussen entscheiden. Aber die Erfahrung selbst ist verbreitet, und sie ist der Stoff, aus dem eine Frage nach Karma entsteht.
In Begabungen und Grenzen. Manches können wir, ohne es gelernt zu haben; anderes bleibt uns trotz aller Mühe verschlossen. Lessing hat genau diese Erfahrung im Blick, wenn er vom Wiederkommen um neuer „Kenntnisse“ und „Fertigkeiten“ willen spricht.
In der Frage „Warum gerade ich?“ Sie stellt sich bei Schicksalsschlägen ebenso wie bei unverdientem Glück. Man kann sie als unbeantwortbar beiseitelegen. Man kann sie aber auch umkehren und fragen, was ein Ereignis von einem verlangt, statt woher es kommt. Hier beginnt die Frage nach Karma praktisch zu werden: nicht als Erklärung, sondern als Haltung.
Was daraus für die Bühne folgt
Was hiesse das für ein zeitgemässes Mysteriendrama? Ich formuliere es als Arbeitshypothese, nicht als Rezept.
Ein solches Drama bräuchte keine Seherin und keinen Lehrer, die den Figuren erklären, wer sie früher waren. Es würde Karma nicht behaupten, sondern als Frage zwischen den Figuren entstehen lassen: in einer Begegnung, die nicht aufgeht, in einem Konflikt, der sich wiederholt, in einem Satz, der beim Gegenüber mehr auslöst, als er sagt. Das Publikum würde nicht belehrt, sondern in dieselbe Frage hineingezogen, die die Figuren beschäftigt.
Damit wäre ein solches Stück näher bei den Mysteriendramen, als es auf den ersten Blick scheint. Denn auch dort ist das Gespräch der Ort, an dem sich die Wege der Figuren berühren und spiegeln. Neu wäre, dass dieses Gespräch nicht von Schulungserfahrungen getragen wird, sondern von Erfahrungen, die jede und jeder im Publikum kennt. Und vielleicht ist es gerade das, was Laudert mit „Flughöhe durch Erdung“ meint.
Ich bin gespannt, welche Form sein Projekt findet. Die Frage, die es stellt, betrifft nicht nur das Theater, sondern jeden, der mit anderen Menschen lebt und arbeitet.