15. November 2026 · Kontexte

Erlösung als Weg? Die Mysteriendramen und der Messianismus

Am Ende des letzten Beitrags stand eine Beobachtung, die über die Ästhetik hinausführt: Die Zeit um 1900 war von messianischen Erwartungen durchzogen. Man hoffte auf einen neuen Menschen, auf eine Wende, auf eine Erneuerung, die mehr sein sollte als Reform. Die Frage liegt nahe, ob auch die Mysteriendramen zu diesem messianischen Strom gehören. Die Antwort hängt, wie so oft, davon ab, was man unter dem Begriff versteht. Gerade darin liegt aber eine Pointe, die die Dramen von ihren Zeitgenossen unterscheidet.

Was heisst „Messianismus“?

Das hebräische maschiach bedeutet, wie das griechische christos, schlicht „der Gesalbte“. Im Alten Testament bezeichnet das Wort den durch Salbung eingesetzten König oder den Hohepriester. Nach dem Babylonischen Exil verbindet sich damit die Hoffnung auf einen künftigen Herrscher aus dem Haus Davids, der Gerechtigkeit und Frieden bringt. Spricht man heute von „Messianismus“, meint man meist nicht mehr den Glauben an einen bestimmten Messias, sondern die Struktur dieses Glaubens. In dieser Form lässt sich der Begriff auch auf ganz andere Zusammenhänge übertragen.

Die schärfste Bestimmung dieser Struktur stammt von Gershom Scholem, der seit 1915 mit Walter Benjamin befreundet war. In seinem Aufsatz Zum Verständnis der messianischen Idee im Judentum beschreibt er die Erlösung nicht als Ergebnis eines allmählichen Fortschritts, sondern als Einbruch von aussen, als „ein Einbruch, in dem die Geschichte selbst zugrunde geht“. Benjamin fasst denselben Grundgedanken in seinem Theologisch-politischen Fragment in den Satz: „Erst der Messias selbst vollendet alles historische Geschehen“. Kein menschliches Handeln kann ihn herbeiführen. Mit Benjamin, mit Ernst Blochs Geist der Utopie (1918) und Franz Rosenzweigs Stern der Erlösung (1921) wird diese Denkfigur nach dem Ersten Weltkrieg zu einer der prägenden Kategorien einer ganzen Generation. Wie vielgestaltig die Figuren des Messianischen in diesen Jahrzehnten sind, hat Elke Dubbels in einer umfangreichen Studie zu deutsch-jüdischen Intellektuellen zwischen 1900 und 1933 untersucht.

Auch in der Literatur ist die Erwartung einer Erneuerung allgegenwärtig. Im expressionistischen Drama wird der „neue Mensch“ geradezu zum Gemeinplatz. Georg Kaisers Bürger von Calais, 1914 erschienen und 1917 uraufgeführt, ist eines der bekanntesten Beispiele.

Peter Sloterdijk hat die Moderne in seinem Buch Die schrecklichen Kinder der Neuzeit (2014) als „anti-genealogisches Experiment“ beschrieben: als Epoche, in der Menschen mit ihrer Herkunft brechen und die Weitergabe zwischen den Generationen brüchig wird. Messianische Erwartung passt in dieses Bild. Wo die Herkunft nichts mehr verbürgt, richtet sich die Hoffnung nach vorn, auf ein Heil, das als Bruch kommt.

1910: eine Wiederkunft, die keine Ankunft ist

In dieses Klima hinein spricht Steiner ab Januar 1910 vom Wiedererscheinen des Christus im Ätherischen. Zum ersten Mal tut er das am 12. Januar 1910 in Stockholm. Wer darin eine messianische Ankündigung im üblichen Sinn erwartet, wird überrascht. In einem Vortrag in Karlsruhe am 25. Januar 1910 sagt Steiner unmissverständlich: „In einem solchen physischen Leibe wird sie nicht mehr kommen, denn das war ein einmaliges Ereignis.“ Was sich ankündigt, ist keine Person, die irgendwo auftritt, sondern eine Wandlung der menschlichen Wahrnehmung: Menschen sollen nach und nach die Fähigkeit entwickeln, den Christus in einer nicht-physischen Daseinsform zu erleben. Das entscheidende Heilsereignis, das Mysterium von Golgatha, liegt für Steiner in der Vergangenheit. Was aussteht, ist nicht seine Wiederholung, sondern seine Wahrnehmung.

Im selben Jahr wird Die Pforte der Einweihung uraufgeführt, und dort erhält dieser Gedanke eine Bühnengestalt. Gleich im ersten Bild, in einem Raum neben einem Vortragssaal, beginnt die Seherin Theodora vor einer grösseren Gesellschaft zu sprechen. Vor ihrem Geist steht, wie sie sagt, „ein Bild im Lichtesschein“. Sie spricht davon, dass Christus einst auf Erden lebte und dass die Menschen ihn bald mit einem neuen Sehen schauen werden: „Doch nahe ist die Zukunft, da mit dem neuen Sehen …“. Belegt ist, was im Text steht; wie man es liest, ist Deutung. Meine Deutung lautet: Bemerkenswert ist, wie diese Ankündigung gesetzt ist. Sie kommt nicht von Benedictus, dem geistigen Lehrer, und schon gar nicht von einer Erlöserfigur, sondern von einer Frau, die wie entrückt spricht. Und sie fällt mitten in ein Gespräch, in dem die anderen sie sehr unterschiedlich aufnehmen. Capesius hält solche Zustände für krankhaft, Strader ist zutiefst erschüttert. Die Botschaft ist kein Machtwort, sondern ein Ereignis, über das man sich verständigen muss.

1911–1913: die Weltlehrer-Krise

Wie ernst die Frage nach einer messianischen Gestalt damals war, zeigt sich nur ein Jahr später. 1911 entstand im indischen Benares unter Annie Besant, der Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, der „Order of the Star in the East“. Dieser Orden sollte das Kommen des jungen Inders Jiddu Krishnamurti als künftigen „Weltlehrer“ vorbereiten. Das war Messianismus im ganz handfesten Sinn: Eine bestimmte, lebende Person sollte der Erwartete sein.

Steiner, damals Generalsekretär der deutschen Sektion, widersprach dieser Zuschreibung entschieden. Der Konflikt eskalierte. Am 28. Dezember 1912 wurde die Anthroposophische Gesellschaft als eigenständige Vereinigung gegründet, und am 7. März 1913 wurde Steiner aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen. Ideengeschichtlich lässt sich die Gründungsgeschichte der Anthroposophie deshalb auch als Geschichte einer ausdrücklichen Zurückweisung einer messianischen Proklamation deuten.

Belegt ist auch die zeitliche Parallele: Die vier Mysteriendramen entstehen genau in diesen Jahren, zwischen 1910 und 1913. Während in der Theosophischen Gesellschaft um einen kommenden Weltlehrer gestritten wird, schreibt Steiner Jahr für Jahr ein neues Drama. Ob er damit bewusst auf den Konflikt antwortet, lässt sich aus den Daten allein nicht ablesen. Meine Arbeitshypothese ist, dass die Dramen und die Weltlehrer-Krise zwei Seiten derselben Auseinandersetzung sind: Was organisatorisch als Trennung ausgetragen wird, wird auf der Bühne als Frage gestaltet, wie Erlösung überhaupt geschehen kann.

In dieselben Jahre fällt ein Bauvorhaben. Ab etwa 1912 wurde in München ein eigener Bau geplant, der nach der Hauptfigur der Dramen „Johannesbau“ heissen sollte. Nachdem die Münchner Behörden das Vorhaben im Januar 1913 abgelehnt hatten, fiel im Juni 1913 die Entscheidung für Dornach, wo am 20. September 1913 der Grundstein gelegt wurde. Dass der Bau den Namen einer Dramenfigur trug, ist belegt. Wie eng er für die Aufführung der Dramen gedacht war, ist eine Frage für sich, der ich hier nicht nachgehe.

Zwei Antworten auf eine Frage

Sind die Mysteriendramen also messianisch? Das ist keine Frage, die sich durch Quellen allein entscheiden lässt. Die Antwort hängt davon ab, welchen Begriff man anlegt, und mit jedem Begriff wird sie zu einer Deutung. Es gibt zwei gut begründbare, gegensätzliche Antworten, und beide lohnen sich.

Legt man den strengen Begriff an, wie er sich aus Scholem und Benjamin gewinnen lässt, lautet die Antwort eher Nein. Es fehlt fast alles, was diesen Messianismus ausmacht. Das entscheidende Ereignis liegt für Steiner nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit. Die Wiederkunft ist kein öffentlicher Welteinbruch, sondern eine Erweiterung der Wahrnehmung. An die Stelle des radikalen Bruchs tritt eine Entwicklung über viele Leben hinweg. Und die Figur eines noch ausstehenden Erlösers wird nicht nur nicht erwartet, sondern am Fall Krishnamurti ausdrücklich abgewiesen.

Arbeitet man dagegen mit einem weiteren, kulturwissenschaftlichen Begriff, sieht das Bild anders aus. Ein solcher Begriff kann etwa nach fünf Merkmalen fragen: nach einer Krisendiagnose, nach der Erwartung eines qualitativen Umschlags, nach einem Träger oder Medium dieses Umschlags, nach einer besonders gegliederten Zeit und nach einem Heil, das eine Gemeinschaft oder die Menschheit betrifft. Liest man die Dramen mit diesen Kriterien, findet man alle fünf wieder. Die Figuren stehen in Krisen der Erkenntnis und der Biografie. Einweihung und Erwachen verwandeln ihr Wahrnehmen und Handeln. Gegenwart, frühere Leben und Schwellenaugenblicke sind ineinander verspannt. Und die Wandlung des Einzelnen ist auf die Gemeinschaft bezogen. In dieser Lesart erscheinen die Dramen als ein Fall von ästhetischem Messianismus vor 1914.

Die verteilte Erlösung

Mich interessiert weniger, welche dieser Antworten „richtig“ ist, als was zwischen ihnen sichtbar wird. Was folgt, ist meine Deutung. Die Mysteriendramen nehmen die messianische Erwartung ihrer Zeit auf und verwandeln sie zugleich von innen. Am deutlichsten zeigt sich das an einer formalen Besonderheit: Die Erlöserfunktion ist auf viele Instanzen verteilt. Christus bleibt das geistige Zentrum, aber keine Bühnenfigur übernimmt dauerhaft die Rolle eines Retters. Benedictus weist Wege, ersetzt aber nicht die Freiheit seiner Schüler. Maria, Theodora, die geistigen Wesen und die karmischen Begegnungen tragen jeweils etwas bei. Entwicklung geschieht in Beziehungen, in Prüfungen, in Fehltritten und in wiederholten Akten der Erkenntnis. Auch das erhoffte Ende bleibt aus. Der „Seelen Erwachen“ lässt sich nicht als Enderlösung lesen, eher als eine neue, gefährdete Verantwortungsfähigkeit.

Als Arbeitshypothese möchte ich einen Vergleich mit dem expressionistischen Drama hinzufügen, den ich in einem späteren Beitrag genauer prüfen will. Auch die Mysteriendramen führen ihre Figuren weniger durch eine äussere Handlung als durch innere Stationen, ähnlich wie das Stationendrama. Während der expressionistische „neue Mensch“ aber oft im Aufschrei, im Opfer oder im kollektiven Aufbruch entsteht, entsteht er bei Steiner, wenn diese Hypothese trägt, im langsamen, wiederholten Erkennen und im Gespräch.

Auch zu Sloterdijks Diagnose stehen die Dramen, so meine Lesart, quer. Wenn die Moderne mit der Herkunft bricht, so spannen die Mysteriendramen eine Genealogie anderer Art über Jahrhunderte auf, keine der Familie, sondern des Karmas. Die Rückschau in der Prüfung der Seele macht die Vergangenheit nicht zum abgeschlossenen Vorher, sondern zu einer Forderung an die Gegenwart. Das Heil liegt hier nicht einfach vorn. Es liegt in der Verarbeitung dessen, was war, und in der Wahrnehmung dessen, was schon wirkt.

Hier schliesst sich für mich der Kreis zu dem, was ich in den letzten Beiträgen beschrieben habe. Wenn das Mysterium dieser Dramen im Gespräch liegt, dann ist auch ihre Antwort auf die messianische Frage eine Gesprächsantwort. Die Erlösung kommt nicht als Einbruch von aussen, auf den man wartet. Sie wird zur Aufgabe von Menschen, die einander zuhören, ihre inneren Erfahrungen miteinander teilen und sich gegenseitig auf ihrem Weg weitertragen. Offen bleibt dabei eine Frage, die man ehrlicherweise stellen muss: ob diese Vielstimmigkeit die geistige Ordnung der Dramen wirklich öffnet oder ob sie am Ende doch von einer feststehenden Lehre zusammengehalten wird. Ich halte diese Frage für eine der fruchtbarsten, die man an die Mysteriendramen richten kann, auch und gerade auf der Bühne.

Theodora, die Seherin aus der Pforte, ist eine der Frauengestalten, die in den Dramen eine weit grössere Rolle spielen, als es ihre Zahl der Auftritte vermuten liesse. Ihnen, und vor allem Maria, möchte ich mich in einem der nächsten Beiträge zuwenden.

Zur Lesart dieses Beitrags: Daten, Zitate und Werkangaben sind belegt. Wo ich Zusammenhänge herstelle, die sich aus den Quellen nicht unmittelbar ergeben, habe ich sie ausdrücklich als Deutung oder Arbeitshypothese gekennzeichnet.


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